Der DAAD feiert im Jahr 2025 neben seinem 100. Geburtstag auch 50 Jahre Ostpartnerschaften. Was dieses Förderprogramm über ein halbes Jahrhundert hinweg geleistet hat und so besonders macht, erläutert Susanne Lüdtke, Leiterin des DAAD-Referats Kooperationsprojekte in Europa, Südkaukasus und Zentralasien. 

Frau Lüdtke, das DAAD-Programm Ostpartnerschaften wurde 1975 mit Mitteln des Auswärtigen Amtes aufgelegt, um Kooperationsprojekte zwischen Hochschulen in Deutschland und in der Sowjetunion sowie den „Ostblockstaaten“ zu fördern. Der Programmname ist geblieben, aber die Länder im Fokus des Programms haben sich wesentlich verändert. Was ist das Besondere an diesem Förderprogramm? 

Kontinuität, Verlässlichkeit und Flexibilität – das sind zentrale Begriffe, die dieses Programm auszeichnen. Seine besondere Stärke zeigt sich in seiner Wandelbarkeit, sodass es den Hochschulen gerade in Zeitenwenden und angesichts enormer außenpolitischer Umbrüche im östlichen Europa erlaubt, ihre Strategien anzupassen. Unter wechselnden Rahmenbedingungen findet es neue Antworten und kann damit – auch dank des so langjährig gewachsenen Vertrauens – für Stabilität der internationalen Hochschulbeziehungen sorgen. Die Förderungen für die Hochschulen wurden in Krisen stets bedarfsgerecht neu ausgerichtet und haben damit trotz schwieriger Zeiten über 50 Jahre hinweg wissenschaftlichen Austausch ermöglicht und inspiriert. Die daraus entstandenen Beziehungen sind von unschätzbarem Wert. Deshalb ist das Ostpartnerschaftsprogramm über diesen langen Zeitraum hinweg unverzichtbar geblieben. 

Den ersten großen Umbruch markierte das Ende der Sowjetunion 1991. Welche Entwicklung hat das Programm damals genommen? 

Zunächst muss man sagen, dass die Anbahnung von Kooperationen westdeutscher Hochschulen mit den Universitäten hinter dem Eisernen Vorhang überhaupt nicht selbstverständlich war. Der DAAD hat mit den Ostpartnerschaften die ersten Schritte gefördert. Als sich dann die geopolitische Situation mit der deutschen Wiedervereinigung und dem Zerfall der Sowjetunion völlig änderte und neue Staaten entstanden, haben wir die Förderung angepasst und weiter ermöglicht. Das bedeutete zum Beispiel, dass ostdeutsche Hochschulen, die zuvor in der DDR lagen, ihre traditionell engen Beziehungen mit osteuropäischen Hochschulen mithilfe des Programms erhalten und ausbauen konnten. Das hilft diesen Hochschulen heute noch bei ihrer Internationalisierung. Es bedeutete auch, dass schon eine Basis für die Kooperation mit den Hochschulen in den neuen postsowjetischen Staaten gegeben war. 

Ein anderer Einschnitt war die Corona-Pandemie. Welche Herausforderungen ergaben sich dadurch? 

Für die meisten seiner Programme hat der DAAD in dieser Zeit sehr schnell bewilligt, die Fördermittel zum physischen Austausch für digitale und hybride Formate umzuwidmen. Das galt auch für die Ostpartnerschaften, die eigentlich ganz gezielt das unmittelbare Zusammenkommen fördern sollten. So war es möglich, digitale Lehrveranstaltungen zu entwickeln oder Sommerschulen auf digitalem Weg durchzuführen. Auf diese Möglichkeit greifen wir mit der letzten Programmanpassung wieder zurück. Das ist besonders entscheidend angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, weil so die digitale Zusammenarbeit mit ukrainischen Hochschulen unterstützt werden kann. Vor allem für männliche ukrainische Hochschulangehörige, die aktuell wegen des Krieges nicht ausreisen dürfen, bedeutet diese Flexibilität in der Programmgestaltung sehr viel. Auch konnten die Projekte dank des Ostpartnerschaftsprogramms nach dem Vollangriff am 24. Februar 2022 direkt reagieren und bereits bewilligte Mittel so umwidmen, dass sie schnell ukrainischen Studierenden sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Notsituationen zugutekamen, etwa durch die Ermöglichung von Laborforschung in Deutschland.  

Zugleich wurde die Förderung von Kooperationen mit Hochschulen in Russland eingestellt. Was bedeutet diese Veränderung? 

Sie bedeutet natürlich eine neue regionale Fokussierung: Auch hier erlaubt es das Ostpartnerschaftsprogramm, andere Modelle für die Bildungs- und Forschungszusammenarbeit mit unserer östlichen Nachbarregion zu finden. Mit Russland fällt das dort zuvor am stärksten vertretene Partnerland bis auf Weiteres weg. Hier zeigt sich wieder, wie flexibel und zugleich verlässlich das Programm ist: Deutsche Hochschulen konnten die Mittel unmittelbar auch für Partnerschaften mit Hochschulen in anderen osteuropäischen und zentralasiatischen Ländern verwenden, bauen diese nun weiter aus und bleiben so in diesem für uns gerade jetzt so bedeutsamen Raum aktiv und präsent. Das ist zum Beispiel für das Fach Slawistik sehr wichtig. Studierende und Promovenden, die dafür früher nach Russland gegangen wären, reisen jetzt zum Beispiel an kasachische Hochschulen.  

Was bringt die Zukunft für das Ostpartnerschaftsprogramm

Viele Hochschulen müssen sich nach dem Wegfall ihrer russischen Partnerschaften neu aufstellen. Wenn sie keine Erfahrungen mit oder Kontakte zu Hochschulen etwa im Südkaukasus oder in Zentralasien haben, fördern wir jetzt auch Reisen zur Anbahnung von neuen Kooperationen. Durch diese regionale Neuaufstellung sind es zunehmend Hochschulen in Entwicklungs- und Schwellenländern, die in den Mittelpunkt des Interesses rücken: Daher werden nun auch die zusätzliche Finanzierung von Reisen und damit eine umfangreichere Förderung für Projektteilnehmerinnen und -teilnehmer aus diesen Ländern ermöglicht. Sie sehen, das Programm ist 50 Jahre alt, aber kein bisschen veraltet.  

Interview: Bettina Mittelstraß (10. Juli 2025) 

Quelle: DAAD