Der Wissenschaftliche Ausschuss des DAAD „Herausforderungen und Chancen der akademischen Kooperation mit Staaten des postsowjetischen Raums“ hat unlängst sein Abschlusspapier fertiggestellt. Dazu drei Fragen an Professor Martin Schulze Wessel, Sprecher des Ausschusses und Inhaber des Lehrstuhls für die Geschichte Ost- und Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München.

Herr Professor Schulze Wessel, Sie dekonstruieren bewusst den sogenannten „postsowjetischen Raum“ und unterscheiden genau zwischen einzelnen Staaten und kleineren Regionen. Warum ist es wissenschaftspolitisch für die deutschen Hochschulen und den akademischen Austausch dennoch von Bedeutung, die gesamte Region im Blick zu behalten?

Im Zentrum unserer Arbeit stand die Frage: Welche Länder kommen als Kooperationspartner für die deutsche Wissenschaft verstärkt in Frage, nachdem die russische Wissenschaft durch Russlands Angriff auf die Ukraine institutionell auf unabsehbare Zeit ausgefallen ist? Natürlich richtet sich der Blick da zuerst auf die anderen Staaten des postsowjetischen Raums. Diese Länder als „postsowjetisch“ zusammenzufassen, ist zu einem gewissen Grad vertretbar, da es in diesen Ländern einige Strukturen gibt, die auf die sowjetische Zeit zurückzuführen sind. Im Bereich der Wissenschaft sind dies etwa die relativ starken Akademien, die in allen sozialistischen Staaten – nicht nur im postsowjetischen Raum, sondern auch in den Ländern des einstigen Ostblocks in Ostmittel- und Südosteuropa – eine zentrale Position im Wissenschaftssystem einnahmen mit Wirkungen bis in die Gegenwart. Aber: Die Nachfolgestaaten der Sowjetunion haben seit 1991 eine sehr unterschiedliche politische, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung eingeschlagen, sogar innerhalb der einzelnen Subregionen wie Mittelasien oder dem Südkaukasus gibt es erhebliche Divergenzen, von den offensichtlichen Unterschieden zwischen der Ukraine und Belarus ganz zu schweigen. Die „postsowjetische Perspektive“ verliert immer mehr an Bedeutung, je länger das Jahr 1991 zurückliegt.

Welche Unterschiede bestehen im Umgang der einzelnen Länder mit internationalen Kooperationen? Welche spezifischen Empfehlungen lassen sich daraus, bezogen auf diese Länder und darüber hinaus, ableiten?

Sprechen wir zuerst über die Ukraine, die aufgrund ihres wissenschaftlichen und technologischen Entwicklungsstands ein besonders interessanter Partner für die deutsche Wissenschaft ist. Durch den Krieg ist eine prekäre Lage entstanden: Bereits in den ersten zwei Kriegsjahren sahen sich zwölf Prozent der ukrainischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gezwungen, ihr Land zu verlassen oder als Binnenvertriebene den Wohnort zu wechseln. Zugleich zerstört Russland die wissenschaftliche Infrastruktur des Landes. Die internationale Wissenschaftskooperation mit der Ukraine darf den bestehenden brain drain aus dem Land nicht verstärken, sondern muss Formen entwickeln, die die Attraktivität der ukrainischen Universitäten und anderer Forschungseinrichtungen stärken, sodass sich junge Ukrainerinnen und Ukrainer für ein Studium in ihrem Land entscheiden und Forscherinnen und Forscher im Land bleiben. Tandem-Programme zwischen deutschen und ukrainischen Universitäten oder das sogenannte Exzellenzkerne-Programm des BMFTR gehen in die richtige Richtung.

Eine lange Geschichte der Wissenschaftskooperation gibt es auch zwischen Deutschland und Georgien. Eigentlich läge es nahe, eine verstärkte Kooperation mit dem Kaukasusstaat zu empfehlen. Leider schlägt die georgische Politik eine autokratische Richtung ein, was sich – wie in vielen vergleichbaren Fällen – zuerst in einem massiven Druck auf die Freiheit von Forschung und Lehre niederschlägt. Unter diesen Bedingungen muss von deutscher Seite darauf geachtet werden, dass bestehende deutsch-georgische Wissenschaftsverbindungen von den Machthabern nicht genutzt werden, um ihrem autoritären Kurs einen schönen Schein zu geben.

Die wissenschaftlichen Ausschüsse sind ein neues Instrument des DAAD, um die Expertise der Hochschulen noch stärker in seine Arbeit einzubinden. Inwieweit hat die Arbeit im Ausschuss für Sie und die anderen Mitglieder den Blick auf die Region noch einmal verändert?

In unseren Ausschuss ist Expertise aus verschiedenen Disziplinen eingegangen, außerdem konnten wir Experten für die verschiedenen Regionen des Betrachtungsraums in die Ausschussarbeit einbeziehen. Wir hatten in einzelnen Ausschusssitzungen auch Gäste, die unser Wissen aus der Praxis der Wissenschaftskooperation, etwa von Seiten der Max-Planck-Gesellschaft, bereichert haben. Ferner hatten wir die Wissenschaftspolitik dabei und auch Vertreter von Institutionen, die in den Ländern des Betrachtungsraums tätig sind. Aus allen diesen verschiedenen Perspektiven ergab sich für uns ein umfassender Blick, den kein Mitglied vor dem Beginn der Ausschussarbeit hatte.

Interview: Johannes Göbel (2. Februar 2026)

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Abschlusspapier des Wissenschaftlichen Ausschusses des DAAD „Herausforderungen und Chancen der akademischen Kooperation mit Staaten des postsowjetischen Raums“

Quelle: DAAD